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Berufliche Schulen – Beispiele aus dem Distanzunterricht

Beitrag vom 29. Mrz 2021

Die Situation an den Schulen ist seit dem vergangenen Jahr durch massive Veränderungen geprägt, insbesondere aufgrund von fehlender Präsenz in den Klassenräumen und an anderen Ausbildungsorten. Dadurch musste von gewohnten Abläufen abgewichen und improvisiert werden. Zahlreiche pädagogische Konzepte wurden auch für die beruflichen Schulen entwickelt oder angepasst. Hier soll nun anhand von Beispielen aus der Beruflichen Oberschule Nürnberg (BON) gezeigt werden, welche Ideen für den Distanzunterricht an einer Fachoberschule umgesetzt wurden.

Einführung „virtueller Unterrichtsgänge“

In der Fachrichtung Agrarwirtschaft, Bio- und Umwelttechnologie, die an der Fachoberschule der BON seit dem Schuljahr 2018/19 angeboten wird, ist neben einem Praktikum in einem einschlägigen Betrieb auch ein begleitender Unterricht in Form der fachpraktischen Anleitung zu besuchen. Diese praktischen Ausbildungsbestandteile konnten aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen im vergangenen Schuljahr nicht durchgeführt werden. Der praktische Bezug der Ausbildung sollte aber nicht komplett vernachlässigt werden. So wurden „virtuelle Unterrichtsgänge“ aus Erklärvideos und pädagogischer Einbettung unter Verwendung von Informationsbroschüren und Internetrecherchen durchgeführt. Obwohl die Vor-Ort-Erfahrung wegfiel, boten sie den Vorteil, dass man nicht auf die Betriebe in der Nähe beschränkt war, sondern sich auch mit agrarwirtschaftlichen Bereichen wie beispielsweise verschiedene Arten der Kuhhaltung in der Milchwirtschaft oder der Herstellung von Fairtrade-Schokolade auseinandersetzen konnte, die in unserer Gegend nicht üblich sind. Dadurch konnte ein breiteres Spektrum der Fachrichtung vermittelt werden.

Umgestaltung des praktikumsbegleitenden Unterrichts

Auch wurde der praktikumsbegleitende Unterricht umgestaltet. Durch praxisbezogene Arbeitsaufträge waren die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Art gefordert. Bei der „Klopapieranalyse“ (siehe Abbildung 1) wurde zu einem aktuellen Thema recherchiert und prognostiziert, beim Bau von Insektenhotels (siehe Abbildung 2) kam es auf handwerkliche Fähigkeiten an. Hierbei wurde auch die biologische Vielfalt und deren Einfluss auf das ökologische Gleichgewicht angesprochen. Diese Projekte trugen neben den Arbeiten aus den anderen Fachrichtungen dazu bei, dass die Berufliche Oberschule Nürnberg im vergangenen Jahr trotz unterrichtlicher Einschränkungen die Auszeichnungen „Fairtrade-School“ und „Umweltschule in Europa/Internationale Nachhaltigkeitsschule“ erhalten hat.

Mehr Zeit für Kernfächer

Zeit für zusätzlichen Unterricht in den Prüfungsfächern Mathe, Deutsch, Englisch und Biologie blieb darüber hinaus ebenfalls. Dieser erweiterte Zeitrahmen für die Kernfächer eröffnete beispielsweise im Englischunterricht die Möglichkeit vom herkömmlichen Lehrplan abzuweichen, der für Fachoberschulen eher die Behandlung von Sachtexten vorsieht, häufig unter Verwendung von Lückentexten. Monika Mundel, Englischlehrkraft in der 11. Jahrgangsstufe, nutzte die Gelegenheit für eine Portfolioarbeit zu literarischen Werken. Die Wahl fiel neben Shakespeares Romeo und Julia in einer Klasse auch auf eine Reihe von Kurzgeschichten in der Parallelklasse. Die gemeinsam im Online-Unterricht besprochene Aufgabenstellung sah die künstlerische Befassung mit diesen Klassikern vor, so konnte beispielsweise ein Gedicht verfasst werden oder ein Brief an eine der Figuren oder an den Autor geschrieben werden. Gerne genutzt wurde auch die Möglichkeit einen Comic zu erstellen. Die Aufgaben konnten in einem Zeitraum von drei Wochen bearbeitet werden. Selbstorganisation war dabei gefragt, wobei die Möglichkeit für Rückfragen bei der Lehrkraft bestand. Die Ergebnisse waren durchaus kreativ (siehe Titelbild). Ähnlich war ein Projekt im Deutschunterricht der 12. Klasse im Bereich Technik (Klasse T 12 a) von Corinna Beckstein konzipiert. Hierbei ging es um die Zeitströmung des Expressionismus. In Videokonferenzen wurden Gedichte aus dieser Epoche vorgestellt und die Besonderheiten gemeinsam erarbeitet. Die sich anschließende Projektarbeit wurde bewusst offen gehaltene und die Aufgabenstellung an die Schülerinnen und Schüler sah vor, diese Besonderheiten in die Jetztzeit zu übertragen. Es wurden moderne Medien gestaltet, was im gewöhnlichen Unterricht nicht vorgesehen ist, so wurden Instagram-Accounts erstellt, Videos gedreht oder auch ein Computerspiel (siehe Abbildung 3) programmiert.

Chancen für ein erweitertes Bildungsverständnis

Die durchführenden Lehrkräfte Monika Mundel und Corinna Beckstein und auch die Schulleitung Gertraud Steub kommen einstimmig zu dem Ergebnis, dass die zusätzliche Unterrichtszeit und der Freiraum, der den Schülerinnen und Schülern gegeben werden konnte, sehr positive Effekte mit sich brachte. Um die ungewohnten Aufgaben zu bewältigen, mussten die jungen Menschen selbstorganisiert vorgehen. Auch konnten sie sich ausprobieren und von einer anderen Seite zeigen. Die Ergebnisse sprechen dabei für sich. Aufgrund der positiven Erfahrungen wäre eine Übertragung dieser pädagogischen Ansätze in eine Zeit mit regulärem Präsenzunterricht wünschenswert.

Dr. Volker Titel, Kultur- und Medienwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und wissenschaftlicher Leiter der Akademie für Ganztagsschulpädagogik, hat eine Einordnung der erläuterten Beispiele aus fachwissenschaftlicher Perspektive vorgenommen und sieht Chancen für ein erweitertes Bildungsverständnis: „Eigentlich gibt es die Einsicht schon länger: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Schulpädagogik – weniger Wissens-, mehr Kompetenzvermittlung, weniger spezifische Fachkenntnisse, mehr Persönlichkeitsentwicklung. In den Präambeln der Lehrpläne findet sich diese Einsicht wieder, schwierig jedoch ist die Umsetzung, wenn sich Rahmenbedingungen kaum ändern. Insbesondere die eng getakteten Stundenpläne bieten kaum Platz für neue Wege. Der Blogbeitrag zeigt eindrucksvoll, welch positive Effekte die (wenn auch durch die Corona-Pandemie erzwungenen) Freiräume für Schülerinnen und Schüler ergeben können. Daher: Das projektbezogene Arbeiten sollte auch künftig stärker ermöglicht werden, durchaus nicht nur in Ergänzung, sondern auch mit und in den Kernfächern.“


Titelbild, Abbildung 2, 3: © Berufliche Oberschule Nürnberg; Abbildung 1: © Pixabay.

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