Von Mai bis Oktober 2025 widmeten sich die 19 Citizen Scientists der vierten Forschungsgruppe im Projekt „Nürnberg forscht“ der Frage: „Wie werden kulturelle Angebote in Nürnberg von Menschen wahrgenommen?“ Im Fokus standen das Kulturverständnis, Informationswege, besuchte Veranstaltungen und Orte sowie Hindernisse und Wünsche in Bezug auf kulturelle Teilhabe. Die Citizen-Science-Studie ist nicht repräsentativ, liefert aber exemplarische Einblicke in Wahrnehmungen und Bedarfe.
So wurde geforscht
In einem partizipativen Prozess entschied sich die Gruppe – auch vor dem Hintergrund begrenzter zeitlicher Ressourcen – für eine quantitative Online-Befragung mit dem Tool Mentimeter. Dieses bietet einen niedrigschwelligen Zugang sowie eine einfache Einbindung in unterschiedliche Kommunikationskontexte.
Die Befragung lief vom 9. Juli bis 15. September 2025. Die Stichprobe umfasste 267 Personen (selektiv, nicht repräsentativ). Verbreitet wurde die Umfrage über die Communitys und persönlichen Kontakte der Mitforschenden sowie durch Ansprache auf Nürnberger Kulturveranstaltungen (Bardentreffen, Klassik Open Air, Brückenfestival). Die Auswertung erfolgte deskriptiv, offene Antworten wurden über qualitative Kategorienbildung ausgewertet.
Was die Studie zeigt
Die Befragten verbinden „Kultur“ überwiegend mit einem breiten Verständnis und nennen dabei häufig Aspekte wie Gemeinschaft, Austausch, Vielfalt und Erlebnis. Wenn es um Informationen zu Kulturangeboten geht, gaben Viele an, vor allem soziale Medien sowie persönliche Netzwerke zu nutzen. Klassische Medien werden insbesondere von älteren Befragten häufiger genannt. In offenen Rückmeldungen äußern einzelne Personen zudem Kritik an der Nutzungsfreundlichkeit von Informationsangeboten.
Bei den besuchten Kulturangeboten nennen die Befragten unterschiedliche Formate. Besonders häufig werden niedrigschwellige Veranstaltungen angegeben. Im Sommerzeitraum der Erhebung spielen Konzerte und Livemusik für viele Befragte eine zentrale Rolle. Als wichtigste Hürden werden Zeitmangel, fehlende Informationen und Kosten, ergänzt durch Hinweise auf Einschränkungen durch die persönliche Lebenssituation genannt. Entsprechend wünschen sich die Befragten vor allem günstigere Eintrittspreise, gezieltere und längerfristige Information/Werbung, mehr Vielfalt und mehr Angebote im Stadtteil. Außerdem werden mehr Familien-/Kinderangebote, Barrierefreiheit, Angebote für Jugendliche sowie eine Stärkung interkultureller Formate und eine sichtbarere Repräsentation der Vielfalt der Stadtgesellschaft betont.
Impulse für die Praxis
Aus den Ergebnissen lassen sich mehrere Impulse ableiten, die in die Weiterentwicklung der kulturellen Landschaft Nürnbergs einfließen könnten. Dazu gehört, die gesellschaftliche Vielfalt in Programmen noch sichtbarer zu machen und unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen weiter zu stärken. Ebenso erscheint es sinnvoll, familienfreundliche, jugendgerechte und zielgruppenspezifische Formate sowie Kulturangebote im direkten Wohnumfeld weiter auszubauen, um Teilhabechancen zu erhöhen. Darüber hinaus unterstreichen die Ergebnisse die Relevanz, offene und barrierefreie Räume, die soziale und kulturelle Teilhabe erleichtern, langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln. Schließlich ist die Verbesserung der Informationszugänge über unterschiedliche, nutzungsfreundliche Kanäle hinweg ein zentrales Handlungsfeld.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier:
Seit Januar 2023 erforschen Bürgerinnen und Bürger mit Zuwanderungsgeschichte unter wissenschaftlicher und pädagogischer Begleitung soziale Fragen rund um Integration und Vielfalt und bringen dabei ihre persönlichen Perspektiven in den Forschungsprozess ein.
Die dritte Forschungsgruppe des Projekts „Nürnberg forscht“ widmete sich der politischen Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Vor dem Hintergrund empirisch belegter Teilhabelücken – wie geringer Wahlbeteiligung, struktureller Unterrepräsentation und rechtlicher Ausschlüsse – untersuchte das Projekt, inwieweit politische Beteiligung auf lokaler Ebene möglich ist und welche Barrieren bestehen.
Die Forschungsgruppe bestand aus 14 Teilnehmenden mit diversen Migrationsbiografien. Von November 2024 bis Juli 2025 traf sich die Gruppe regelmäßig, entwickelte gemeinsam die Forschungsfrage „Welche Faktoren beeinflussen politische Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Nürnberg?“ und führte eine quantitative Online-Befragung unter Nürnbergerinnen und Nürnbergern mit Zuwanderungsgeschichte sowie qualitative leitfadengestützte Interviews mit Personen aus der Kommunalpolitik und überregionalen Beratungspraxis durch. Die Mitforschenden waren im Sinne des zugrundliegenden Citizen-Science-Ansatzes aktiv in alle Forschungsphasen eingebunden – von der Konzeption bis zur Interpretation und Präsentation der Ergebnisse.
Die Datenanalyse erfolgte mithilfe klassischer sozialwissenschaftlicher Methoden. Die qualitativen Interviews wurden transkribiert und anhand eines Codiersystems in vier Hauptkategorien ausgewertet: individuelle, strukturelle, gesellschaftliche und politische Faktoren. Trotz ihrer eingeschränkten Aussagekraft ergänzen die statistischen Daten aus der Online-Umfrage das gewonnene Bild zur politischen Teilhabe aus den Aussagen der Einzelinterviews. Insgesamt spiegeln die Ergebnisse Befunde aus der aktuellen Forschung wider.
Die Ergebnisse ihrer Citizen-Science-Studie diskutierten die Mitforschenden im Projekt mit Oberbürgermeister Marcus König und Katrin Hirseland, Vizepräsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Wesentliche Ergebnisse
Das politische Engagement und die Beteiligungsmöglichkeiten zugewanderter Menschen hängen sowohl von persönlichen wie auch strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen ab.
Individuelle Faktoren
Die politischen Wege der Befragten in den Einzelinterviews sind geprägt von vielfältigen Biografien, Migrationserfahrungen und persönlichem Engagement. Oft beginnt ihr politisches Handeln im zivilgesellschaftlichen Raum – ausgelöst durch erlebte Ungerechtigkeit, Anerkennung oder den Wunsch nach Teilhabe. Migration wird dabei sowohl als Herausforderung als auch als Ressource begriffen, die politische Sensibilität und Perspektivvielfalt fördert. Politische Kompetenz entsteht weniger durch klassische Karrieren als durch persönliche Erfahrungen, lokale Themen und alltägliches Engagement. Trotz struktureller Barrieren setzen sich die Interviewten mit unterschiedlichen Zielen für eine gerechtere Gesellschaft ein – von konkreten Projekten bis hin zu umfassende Visionen.
Strukturelle Faktoren
Die im Rahmen der Analyse ausgewerteten Aussagen zeichnen ein differenziertes Bild der politischen Teilhabechancen in Nürnberg. Sie verweisen auf eine Vielzahl von Engagementformen – unter anderem in Parteien, zivilgesellschaftlichen Initiativen, migrantisch geprägten Organisationen sowie im öffentlichen Raum. Zugleich verdeutlichen sowohl qualitative Rückmeldungen als auch Ergebnisse der Online-Befragung, dass politische Teilhabe wohl nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist.
Dabei werden insbesondere strukturelle Rahmenbedingungen thematisiert, die als hemmend oder ausschließend erlebt werden. Genannt werden etwa das eingeschränkte kommunale Wahlrecht, mangelnde Informationsangebote, formale Eintrittshürden in parteipolitische Strukturen sowie institutionell verankerte kulturelle Selbstverständnisse. Diese Faktoren wirken sich nach Einschätzung einzelner Beteiligter negativ auf Teilhabechancen aus.
Die Auswertung gibt zudem Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen politisches Engagement als unterstützend und wirksam erlebt wird. Wiederholt wird hervorgehoben, wie bedeutsam persönliche Ansprache, biografische Anknüpfungspunkte, sichtbare Repräsentation und niedrigschwellige Beteiligungsformate für eine gelingende Teilhabe sein können. Migrantisch geprägte Organisationen nehmen dabei häufig eine vermittelnde Rolle ein – sowohl gegenüber politischen Institutionen als auch in Richtung Stadtgesellschaft. Besonders positive Erfahrungen werden dort benannt, wo politische Strukturen offen für Diversität sind und diese aktiv einbinden – etwa durch transparente Auswahlprozesse, gezielte Nachwuchsförderung, Empowerment-Ansätze oder eine inklusive Kommunikationskultur.
Gesellschaftliche Faktoren
Die Interviewten kommen zu der Einschätzung, dass die gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf politische Teilhabe komplex sind und oft widersprüchlich wirken. Vertrauen müsse aufgebaut, Repräsentanz sichtbar gemacht und gesellschaftliche Kommunikation aktiv gestaltet werden. Nürnberg werde in vielen Aussagen als Stadt mit vergleichsweiser guter Infrastruktur, engagierter Verwaltung und mutigen Initiativen wahrgenommen. Dennoch sehen die Befragten auch, dass politische Apathie, Angst vor Anfeindung und mangelnde Sichtbarkeit migrantischer Stimmen als Herausforderung auftreten – gerade in einer zunehmend polarisierten Medienlandschaft. Um Teilhabe nachhaltig zu stärken, brauche es eine konsequente Öffnung politischer Räume, gesamtgesellschaftliche Anerkennung und eine digitale Strategie, die Zugang mit Verantwortung verbindet.
Politische Faktoren
Zusammengefasst kommen die Befragten in den Interviews zu folgenden Einschätzungen in Bezug auf die politischen Faktoren: Ob in Nürnberg, Bamberg oder im Rahmen bundesweiter Programme – die Beispiele zeigen, dass politische Teilhabe durch gezielte Maßnahmen nachhaltig gestärkt werden kann. Als besonders wirkungsvoll erachten die Befragten die niedrigschwellige Beteiligungsformate vor Ort, die eine direkte und unkomplizierte Mitwirkung ermöglichen. Ergänzend dazu spielen ihrer Einschätzung nach individuelle Förderangebote – etwa in Form von Schulungen, Mentoring oder Empowerment-Programmen – eine wichtige Rolle. Auch institutionalisierte Programme mit professioneller Begleitung könnten einen zentralen Beitrag leisten. Darüber hinaus wirke sich eine aktive migrantische Selbstorganisation sowie ein starkes zivilgesellschaftliches Netzwerk förderlich auf politische Mitgestaltung aus. Schließlich trage auch die strukturelle Öffnung politischer Räume – etwa durch Mehrsprachigkeit oder die Einführung von Quotenregelungen – dazu bei, mehr Vielfalt in Entscheidungsprozesse zu bringen.
Fazit und Empfehlungen
Die Auswertungen machen deutlich: Politische Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist zentral für Integration und demokratische Gerechtigkeit. Trotz Fortschritten bestehen weiterhin strukturelle und soziale Hürden. Gefordert sind eine offenere politische Kultur, gezielte Ansprache und niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten. Politische Bildung, Empowerment und die Stärkung migrantischer Organisation sind wichtige Hebel. Ziel ist es, politische Vielfalt dauerhaft und selbstverständlich in kommunale Strukturen zu integrieren.
Potenziale von Citizen Science für Forschung, Verwaltung und Stadtgesellschaft
Das Projekt „Nürnberg forscht“ zeigt das große Potenzial von Citizen Science in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Migration, Teilhabe und Integration: Die aktive Beteiligung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte macht neue Perspektiven sichtbar, stärkt das Vertrauen in kommunale Strukturen und gibt lebensnahe Impulse für die Integrationspolitik. Die Teilnehmenden profitieren von Kompetenzzuwachs und gestärkter Selbstwirksamkeit. Insgesamt verdeutlichen die Erfahrungen, dass Citizen Science mehr ist als eine Methode – sie kann demokratische Teilhabe fördern und Verwaltung sowie Forschung inklusiver gestalten.
Als gemeinsame Initiative des Bildungsbüros der Stadt Nürnberg und der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus wird das Projekt „Nürnberg forscht – Bürgerwissenschaften in der vielfältigen Stadtgesellschaft“ von 2023 bis 2025 von der Europäischen Union kofinanziert.
Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier:
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