Am 30.7.2025 war es wieder so weit: Schülerinnen und Schüler aus der Berufsvorbereitungs- (BVJ) und Berufsintegrationsklassen (BIK) der Berufsschule 6 (B 6) erlebten großen Applaus für ihre Theateraufführung. In den BVJ-Klassen werden Jugendliche ohne Ausbildungsplatz unterrichtet, in den BIK lernen neu zugewanderte junge Menschen Deutsch und werden schrittweise ins Berufs- und Bildungssystem integriert. Der Theaterworkshop wird seit sieben Jahren in Zusammenarbeit mit dem Objektif Kunst-, Kultur-und Theaterhaus durchgeführt. Die zuständige Lehrerin Tugba Ülkü der B6 berichtet uns im Interview über Hintergründe und Erfolge.
Frau Ülkü, warum braucht es überhaupt kulturelle Bildung an der Berufsschule? Geht es in der Berufsvorbereitung nicht vor allem um das Sprache lernen und um Berufsorientierung? Gerade weil es in den BIK- und BVJ-Klassen um Sprache, schulische Stabilisierung und Berufsorientierung geht, ist kulturelle Bildung – insbesondere Theaterpädagogik – ein wirksames Instrument. Theater ist ein ganzheitlicher Bildungsansatz, der Sprach-, Persönlichkeits- und Wertebildung miteinander verbindet und Teilhabe ermöglicht. In einem geschützten Raum können sich die Jugendlichen ausdrücken und Selbstwirksamkeit erleben. Sie gewinnen an Selbstbewusstsein, Mut und Kommunikationsfähigkeit. Besonders wichtig: Die Jugendlichen entwickeln ihr Theaterstück selbst, lernen dabei Texte zu verfassen und sich kreativ auszudrücken – eine Übung für Schule, Beruf und demokratisches Handeln.
Wer sind die Teilnehmenden des Projekts? Wie arbeiten Sie zusammen? Teilnehmende sind Schülerinnen und Schüler aus Berufsvorbereitungs- und Berufsintegrationsklassen der Berufsschule 6 in Nürnberg. Die Workshops und Proben leitet Theaterpädagoge Cihan Kente vom Objektif Kunst-, Kultur- und Theaterhaus e. V. Durch seine offene, wertschätzende Arbeit begegnet er den Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe und schafft Raum für Vertrauen und persönliche Entwicklung. Jede Klasse beginnt mit einem Workshop, der Impulse zur Auseinandersetzung mit Identität, Demokratie und Werten setzt. Theater wird so zum Erfahrungsraum, in dem die Schüler/-innen Denken und Verhalten reflektieren lernen. Aus dem Workshop entstehen Ideen, die im Unterricht zu Szenen entwickelt, geprobt und öffentlich aufgeführt werden.
Ist das ein freiwilliges Angebot? Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf das Thema „Theater machen“? Die Teilnahme ist verpflichtend – doch aus anfänglicher Skepsis entsteht bei vielen echte Begeisterung. Gerade zu Beginn ist „Theater machen“ ungewohnt, manche haben Vorbehalte oder Ängste. Doch durch spielerischen Einstieg, Körperarbeit und Improvisation sinkt die Hemmschwelle. Es geht weniger ums klassische Schauspiel, sondern darum, gemeinsam etwas zu schaffen.
Was war der Anlass für das 1. Theaterprojekt? Wie ging es weiter und wo stehen Sie heute? Das erste Projekt entstand vor sieben Jahren aus der Überzeugung, dass junge Menschen mehr brauchen als reinen Sprach- oder Fachunterricht – nämlich Räume für Begegnung, Ausdruck und Selbstermächtigung. Die positive Resonanz der Schüler/-innen, Lehrkräfte und des Publikums bestärkte uns, das Projekt jährlich fortzuführen. Inzwischen ist es fest etabliert, gut vernetzt, mehrfach ausgezeichnet und wächst stetig weiter.
Woran erinnern Sie sich besonders gerne, was war vielleicht besonders eindrücklich? Die meisten Schüler/-innen wachsen mit jeder Stunde mehr in ihre Rolle hinein und sind am Ende stolz, auf der Bühne zu stehen. Ein besonders bewegender Moment war, als ein Schüler, der zu Beginn kaum ein Wort gesprochen hat, am Ende mit fester Stimme einen Monolog vor vollem Saal hielt – und anschließend sagte: „Ich habe gelernt, dass ich nicht unsichtbar bin.“ Solche Momente zeigen, wie viel Theater bewirken kann.
Was war das Thema des aktuellen Theaterstücks? Wie ist es entstanden? Das aktuelle Theaterstück entstand aus dem Thema „Was ist ein gutes Leben?“, eine Frage, die die Schüler/-innen zunächst sehr individuell beantwortet haben. In den Proben wurden daraus gemeinsame Motive wie Freiheit, Gleichberechtigung, Familie, Sicherheit, Bildung und Zusammenhalt. Die Szenen entwickelten sich aus biografischen Erzählungen, Improvisationen und Gruppendiskussionen.
Viele der Schüler/-innen sind noch im Prozess des Deutschlernens. Wie funktioniert Theater in dieser Situation? Theater funktioniert nicht über perfekte Grammatik, sondern über Körpersprache, Ausdruck, Emotion, Improvisation. Oft sind nonverbale Elemente viel kraftvoller als Worte. Der gemeinsame theatrale Prozess ist stark körperlich und visuell orientiert. Dadurch wird Sprache nicht nur gelernt, sondern erlebt. Zudem werden Texte gemeinsam erarbeitet, umgeschrieben, geprobt. Dabei entwickeln die Schüler/-innen ein Gefühl für Sprachrhythmus, Ausdruck und Wirkung.
60 junge Menschen gemeinsam auf der Bühne, das geht sicher nicht ohne Konflikte ab? Konflikte, sowohl die im Miteinander wie die im Inneren der Teilnahmenden, werden im Theaterprozess bewusst sichtbar gemacht und thematisiert – so entstehen wertvolle Lernmomente für alle Beteiligten. Begleitet werden die Jugendlichen durch theaterpädagogische Methoden, die deeskalierend, reflektierend und wertschätzend wirken und so wichtige Impulse für persönliche Entwicklung und gemeinsames Lernen setzen.
Kann die berufliche Bildung etwas vom Theater lernen? Theater fördert Fähigkeiten, die auch im Berufsleben entscheidend sind: Teamarbeit, Empathie, Konfliktfähigkeit, Selbstreflexion, klare Kommunikation. Theater lehrt, präsent zu sein, Verantwortung zu übernehmen und konstruktiv mit Kritik umzugehen. Es kann helfen, Hemmungen abzubauen und Potenziale zu entfalten. Also genau das, was berufliche Bildung ergänzen und verstärken sollte.
Welche Tipps würden Sie anderen Schulen geben, die ein ähnliches Projekt starten möchten? Suchen Sie sich starke Kooperationspartner mit theaterpädagogischer Erfahrung. Schaffen Sie verbindliche Strukturen. Theater braucht Zeit und Raum. Geben Sie Ihren Schüler/-innen Vertrauen, auch wenn der Anfang holprig ist. Wichtig ist nicht das perfekte Ergebnis, sondern der gemeinsame Prozess. Und: Bleiben Sie dran. Es lohnt sich – für jeden einzelnen Jugendlichen und für das Schulleben insgesamt.
Theaterpädagogik … wirkt auch an Mittelschulen:
Kurz vor der beschriebenen Theateraufführung hatten auch die 43 Schülerinnen und Schüler der IBOS-Abschlussklassen aus den Mittelschulen Scharrerschule und Hummelsteiner Weg einen großen Auftritt an der IBOS-Abschlussveranstaltung im Heilig-Geist-Saal. In einem kurzen Stück, das sie mit der Theaterpädagogin Lisa Stützer erarbeitet hatten, konnten sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen ihrer Schulzeit sichtbar und erlebbar machen. So standen sie – ebenso wie die älteren Schüler/-innen aus BVJ und BIK – stolz auf der Bühne und endeten selbstbewusst und klar mit dem Satz „Und jetzt geht es erst richtig los. Hallo Leben!“
„Hochwertige Bildung für alle!“ lautet die Überschrift der 16. Bildungskonferenz der Stadt Nürnberg. Sie findet am Mittwoch, den 12. November um 10:00 Uhr im Historischen Rathaussaal statt. Welche Anforderungen stellt die Verwirklichung dieser Zielsetzung an die kommunale Bildungspolitik und -praxis in herausfordernden Zeiten?
Nach der Eröffnung durch Oberbürgermeister Marcus König wird sich Prof. Dr. Marcel Helbig in seinem Vortrag dieser und anderen Fragestellungen widmen. Prof. Helbig ist Bildungsforscher und -soziologe mit einer Sonderprofessur für „Bildung und soziale Ungleichheit” an der Universität Erfurt und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit ihm sowie Vertreterinnen und Vertretern der Stadtspitze statt.
Am Nachmittag erwarten Sie vier Foren zu diesen Themen:
Musikalische Bildung für Kinder in Nürnberg
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) – Teilhabe ermöglichen
Teilhabe durch nachhaltige Beschäftigung – Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt
Gemeinsam Wissen schaffen – Mit Citizen Science die Stadt gestalten (Erfahrungen und Perspektiven aus dem Projekt „Nürnberg forscht“)
Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung erfolgen in Kürze.
Wer schon einmal am Ausdruck eines Online-Freibad-Tickets, einer Online-Buchung beim Arzt oder bei der Aktivierung des digitalen Personalausweises gescheitert ist, der weiß: Fehlende digitale Kompetenzen führen immer häufiger dazu, dass Menschen Dienstleistungen nicht wahrnehmen können und Gefahr laufen, sozial ausgeschlossen zu werden. Dr. Juliane Stiller vom Verein Grenzenlos Digital e.V. lieferte im Rahmen des Fachtags digitale Grundbildung am 27. Juni 2025 einen pointierten Impulsvortrag zur digitalen Kluft und dazu, wie Bildungsangebote helfen können, diese Kluft zu überwinden.
Sie benannte vier zentrale Faktoren für den Ausschluss an digitaler Teilhabe: Die Kosten z.B. für Endgeräte und Verträge, digitale Kompetenzen, fehlende Barrierefreiheit etwa im Webdesign von Online-Anwendungen und fehlendes Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in digitale Dienste. Diese Hürden beträfen unterschiedliche Personengruppen in unterschiedlicher Art und Weise, so Stiller. Zu diesen digital vulnerablen Gruppen zählte sie unter anderem ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, mit Zuwanderungsgeschichte oder aus einkommensschwachen Verhältnissen, Frauen sowie Menschen im ländlichen Raum.
Betrachtet man den Aspekt der digitalen Kompetenzen genauer, so habe sich in den Jahrzehnten seit der Etablierung der Digitalisierung im Alltag etwas verändert: „Klassische Offliner gibt es heutzutage kaum noch“, so Stiller. „Stattdessen beschränken sich die Kenntnisse digital benachteiligter Gruppen verstärkt auf bestimmte Endgerätetypen, Betriebssysteme und andere Technologien.“
Ängste abbauen und praktischen Nutzen aufzeigen
Stiller plädierte für eine Vielfalt an Lernformaten, um dieser Bedarfslage gerecht zu werden. Neben der Bereitstellung digitaler Infrastruktur und digitaler Hilfen brauche es strukturierte Kurse, aber auch offenere Konzepte wie Mentoring-Programme. Wichtig sei, dass die Angebote die unterschiedlichen Zielgruppen da abholen, wo sich diese ohnehin aufhalten. Außerdem sei es wichtig, Ängste durch das Lernsetting abzubauen und an den konkreten Bedarfen der Teilnehmenden anzusetzen, um nach Möglichkeit schnell positive Ergebnisse zu erzeugen, die den praktischen Nutzen sichtbar machen.
Dr. Juliane Stiller, hier bei der Nürnberger Bildungskonferenz 2024
Juliane Stillers Input führt zu der Frage, wie es in Nürnberg mit entsprechenden Angeboten für digital vulnerable Gruppen aussieht. Aus der themenbezogenen Netzwerkarbeit des Bildungsbüros der letzten Jahre ergibt sich der Eindruck als entstehe hier nach und nach ein Netz aus unterschiedlichen Akteuren, das mehreren digital vulnerable Zielgruppen Angebote macht – auch wenn das Netz sicher noch nicht flächendeckend und ausreichend aufeinander abgestimmt ist.
Lots/-innen, Begleiter/-innen, Coaches: Ehrenamtliche spielen eine wichtige Rolle bei Nürnberger Angeboten
Seit über 20 Jahren bereits bietet der Computer Club Nürnberg 50plus klassische Kursformate zum Thema für Ältere an. 175 dieser kostenpflichtigen Kurse wurden 2024 von 913 Seniorinnen und Senioren besucht.[1] Hinzu kommen kostenfreie Vorträge, die sich häufig mit aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung beschäftigen.[2] Das Seniorenamt der Stadt Nürnberg entwickelte mit „Wege in die digitale Welt für Ältere“ außerdem ein Programm, das verschiedene niedrigschwellige Formate verbindet und diese an 20 Seniorennetzwerken in der Stadt andockt. In den 1:1-Tandems vermitteln ehrenamtliche Digitallotsinnen und -lotsen Grundkenntnisse zu Smartphone und Tablet. 218 Seniorinnen und Senioren wurden zwischen September 2021 und Dezember 2024 durch das Seniorenamt in ein solches Tandem vermittelt werden.[3] Wer bereits etwas geübter mit digitalen Technologien ist, bekommt in Digital-Sprechstunden weitere Kenntnisse durch Ehrenamtliche vermittelt oder kann sich in Digital-Cafés oder-Treffs mit anderen austauschen und so dazu lernen.
An Jugendliche und Erwachsene mit Zuwanderungsgeschichte wendet sich das Projekt Digi iQ – Digitale Grundbildung im Quartier. Auch hier vermitteln ehrenamtliche Peers mit dem Namen Digi-Coaches in curricular strukturierten Einsätzen digitales Grundwissen. Dafür gehen sie an verschiedene Bildungsorte in der Stadt wie beispielsweise Horte, Stadtteilzentren, Gemeinschaftsunterkünfte oder Migrantenvereine. Ergänzend gibt es digitale Sprechstunden mit den Schwerpunkten Technikprobleme und Online-Dienste. Außerdem versucht das Projekt bestehende Bedarfe und Angebote digitaler Grundbildung stadtteilorientiert aufeinander abzustimmen. Im ersten Projektjahr konnten 11 erwachsene und 14 jugendliche Digi-Coaches ausgebildet werden, die bereits 114 Einsätze absolvierten.[4]
Für Menschen mit Behinderung gibt es seit April 2024 die Digitale Werkstatt in der Boxdorfer Wohnanlage vom Verein für Menschen. Neben Workshops und digitalen Sprechstunden wird auch hier mit Tandems gearbeitet, in denen speziell geschulte Digitalbegleiter/-innen bei den ersten digitalen Schritten unterstützen.[5] Eine „Zockerbude“ ermöglicht außerdem das gemeinsame Spielen mit Konsolen oder an einem speziell an die Bedarfe der Zielgruppe angepassten Gaming-Tisch. Bisher haben insgesamt etwa 100 Personen teilgenommen, darunter vor allem Menschen mit Behinderungen aus der Wohnanlage, sowie externe Teilnehmende, darunter Angehörige, Betreuer, Mitarbeitende und Freizeitassistenten.[6]
Vernetzen und sichtbar machen
„Es macht Mut, dass in Nürnberg so viele zielgruppengerechte Angebote entstehen“, freut sich Juliane Stiller und mahnt an: „Es ist wichtig, diese Angebote und die vielen kleineren und größeren Initiativen, die es zu diesem Thema vielleicht noch in der Stadt gibt, miteinander zu vernetzen und sichtbar zu machen, damit möglichst alle das für sie passende Angebot finden.“
Das Jubiläumswochenende am 16./17. Mai 2025 zum 50-jährigen Bestehen der Nürnberger Kulturläden spiegelte die Bandbreite der Arbeit von inzwischen zwölf Kulturläden und 50 Jahren Soziokultur mit Veranstaltungen und Beiträgen, die zurückblicken (das Buch zum Jubiläum: „Die Nürnberger Kulturläden° – 50 Jahre Kultur im Stadtteil“) und Impulse für eine Weiterentwicklung geben möchten (Symposium „Das kann Soziokultur“), vor allem aber Gelegenheit zu Austausch und Begegnung bieten.
Kurz zur Einordnung: Die zwölf Kulturläden bieten jährlich rund 17.000 kulturelle Termine, empfangen dabei über 380.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich und arbeiten mit über 500 kooperierenden Kunst- und Kulturschaffenden, Organisationen, Vereinen und Gruppen zusammen. Im Sinne von „Kultur von allen für alle“ wird das selbst Gestalten und das Beteiligen bei den Kulturläden großgeschrieben.
Eine seit 1996 bestehende Möglichkeit der Beteiligung ist die in regelmäßigen Abständen stattfindende Befragung der Besucherinnen und Besucher – die sogenannte Kulturladenumfrage. Sie zeigt auf, wer die Angebote der Kulturläden nutzt und gibt den Befragten die Möglichkeit, diese zu bewerten und Verbesserungsvorschläge zu machen. Die Ergebnisse der Befragung werden sowohl intern ausgewertet, um die eigene Arbeit weiter zu verbessern, als auch extern veröffentlicht. Dieser Blogbeitrag greift sich nun im Folgenden ein paar interessante Ergebnisse heraus.
Wer besucht die Kulturläden?
Knapp 3.000 Menschen haben zwischen März und Mai 2023 an der achten Kulturladen-Umfrage teilgenommen, 65 % davon sind weiblich. Es sind alle Lebensalter vertreten (Umfrage ab zwölf Jahren), die meisten Teilnehmenden sind zwischen 54 und 74 Jahre alt, das Durchschnittsalter der Befragten beträgt 53 Jahre.
Im Vergleich zu 2016 hat sich der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund (oder ausländischer Staatsbürgerschaft) in den Kulturläden um rund acht Prozentpunkte erhöht. Insgesamt haben 34 % der Befragten einen Migrationshintergrund oder eine ausländische Staatsbürgerschaft, 66 % sind Deutsche. Dieses Verhältnis entspricht zwar nicht genau dem Verhältnis in der Nürnberger Gesamtbevölkerung, nähert sich dem aber an (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Migrationshintergrund der Befragten der Kulturladen-Umfrage, 2023 und 2016
Quelle: Stadt Nürnberg, Amt für Kultur und Freizeit.
Wie der Blick auf einzelne Häuser zeigt, gelingt es den Kulturläden, die im jeweiligen Stadtteil lebende Bevölkerung zu erreichen: So beträgt der Anteil der Befragten mit Migrationshintergrund in der Villa Leon rund 61 %, in Röthenbach rund 54 %, im Loni Übler Haus und im KUF im südpunkt knapp 40 %. In Vischers Kulturladen sind es dagegen ca. 21 % und im Kulturladen Zeltnerschloss 22 %.
Betrachtet man den beruflichen Bildungsabschluss der Befragten, so fällt auf, dass knapp die Hälfte einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss hat. Ein überwiegender Teil der Befragten ist demnach hoch gebildet, insgesamt sind aber alle Bildungsstufen in den Kulturläden vertreten (11 % ohne Abschluss oder noch in Ausbildung, 24 % mit Abschluss einer Berufs(fach)schule, 16 % mit Fachschulabschluss). Interessant ist auch die relative Gleichverteilung der Einkommensstufen, die sich der der gesamten Nürnberger Bevölkerung annähert.
Wie häufig werden Kulturläden besucht?
Insgesamt haben 2.900 Befragte 4.630 Besuche in den Nürnberger Kulturläden angegeben. Die meisten Besuche verzeichnen das Gemeinschaftshaus Langwasser (676) und der Kulturladen Loni Übler Haus (632). Dort wurden jeweils auch die meisten Fragebögen abgegeben.
Ein sehr großer Teil der Besuchenden ist Stammpublikum, das die Nürnberger Kulturläden schon länger als fünf Jahre besucht (bei zehn von elf ist das der Fall). Gleichzeitig verzeichnen ebenfalls fast alle Häuser zweistellige Prozentwerte bei den Erstbesuchen, es gelingt also auch, neues Publikum zu gewinnen.
Abb. 2: Kulturladenbesuche aller Befragten
Quelle: Stadt Nürnberg, Amt für Kultur und Freizeit.
Wie bewerten die Menschen die Nürnberger Kulturläden°?
„Beurteilen Sie bitte das Serviceangebot dieses Kulturladens“: in Bezug auf die Kategorien Erreichbarkeit und Bürozeiten, Atmosphäre, Freundlichkeit/Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden, Qualität des Angebots und Preis-Leistungs-Verhältnis konnten die Befragen „ausgezeichnet“, „gut“, „befriedigend“, „mangelhaft“ oder „schlecht“ angeben. 88 % der Befragten bewerten Erreichbarkeit und Bürozeiten der Kulturläden als „gut“ oder „ausgezeichnet“, die Bewertung „ausgezeichnet“ hat sich gegenüber 2016 um elf Prozentpunkte erhöht. Insgesamt bewerten rund die Hälfte aller Befragten die Atmosphäre in den Kulturläden als ausgezeichnet, weitere 43 % als gut. Auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden werden zu 69 % als ausgezeichnet und zu 29 % als gut bewertet. Fast alle Befragten (ca. 93 %) bewerten die Qualität des Angebots als ausgezeichnet oder gut. Im Vergleich zu 2016 hat sich die Bewertung in der Kategorie Preis/Leistung verbessert: 45 % der Besucherinnen und Besucher finden diese „ausgezeichnet“ (ein Anstieg um rund neun Prozentpunkte). Laut Amt für Kultur und Freizeit ist dies vor allem angesichts der besonderen gesellschaftlichen Herausforderung wie Corona, Inflation oder Energiekrise und damit einhergehenden gestiegenen Kosten zu begrüßen und bestätigt die Bemühungen der Kulturläden um eine angemessene Preisgestaltung.
Mit den elf im jeweiligen Stadtteil verankerten soziokulturellen Zentren und dem mobilen Kulturladen KommVorZone (seit 2020) haben Nürnbergerinnen und Nürnberger die Möglichkeit zu kultureller und politischer Teilhabe, zu Begegnung und Austausch in der diversen Stadtbevölkerung. Die Befragung von Besucherinnen und Besuchern zeigt, dass dieses Potenzial genutzt wird und sich so weiterentwickeln kann, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen partizipieren.
Auch bei den offenen Fragen, wo explizit nach der Meinung gefragt wurde, findet sich viel Positives. Negative Stimmen sprechen weder Programm noch Qualität oder Mitarbeitende an, vielmehr geht es hier beispielsweise um die Sanierung der Toiletten oder Maßnahmen zur Barrierefreiheit. Hier vier Beispiele aus den offenen Antworten im Fragebogen:
Danke, dass Sie die Kulturläden auf den Beinen halten und es der Stadt-Gesellschaft ermöglichen, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln.
Ihr seid Klasse. Danke für eure Offenheit & Flexibilität. Macht mehr Farbe & Bunt & Kunst!
Die Toilette sollte mal renoviert werden.
Leider ist die Einrichtung nicht barrierefrei – das wäre dringend nötig, weil auch viele ältere Menschen im Stadtteil leben.
„Die Ergebnisse der letzten Kulturladenumfrage sind ein toller Beleg für die hohe Qualität und Relevanz der Kulturläden in Nürnberg. Die durchweg positiven Bewertungen der Befragten zeigen, wie sehr diese Einrichtungen geschätzt werden. Gleichzeitig spornen uns die Ergebnisse an, jeden Tag noch ein Stück besser zu werden.“ so Annekatrin Fries, Leiterin des Amts für Kultur und Freizeit.
Grundinformationen zur Umfrage
Die Umfrage unter den Besucherinnen und Besuchern der Nürnberger Kulturläden° wurde vom 23. März 2023 bis 26. Mai 2023 durchgeführt, insgesamt haben sich 2.900 Menschen beteiligt.
Die Fragebögen wurden nach Kulturladengröße aufgeteilt, zudem fand eine Differenzierung nach Veranstaltungen sowie Gruppen und Kursen statt. Die Teilnahme war freiwillig.
Die Kulturladenumfrage wurde mit Papierfragebögen in den einzelnen Kulturläden durchgeführt. Es gab einen Fragebogen in deutscher Sprache und zudem ein Handout der Fragen in einfacher Sprache. Die Mitarbeitenden der Kulturläden boten zusätzlich Hilfestellung.
Es handelt sich um die insgesamt achte Umfrage, die erste fand im Jahr 1996 statt. Pandemiebedingt kam es zu einem größeren zeitlichen Abstand zur letzten Umfrage (2016). Zum Teil werden Vergleiche zur letzten Kulturladenumfrage und auch zur letzten „Wohnungs- und Haushaltserhebung, Leben in Nürnberg 2021“ gezogen.
Nach der Bundestagswahl sind Menschen mit Migrationshintergrund mit 11,6 Prozent der Abgeordneten weiterhin unterrepräsentiert. Auch jenseits von Wahlen zeigen sich Lücken; besonders junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind seltener politisch aktiv als Gleichaltrige ohne Zuwanderungsgeschichte. Eine neue Studie des wissenschaftlichen Stabs des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) hat die Teilhabechancen junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zwischen 15 und 35 Jahren untersucht.
Das Recht auf politische Teilhabe aller Menschen hierzulande gehört zum Grundverständnis der Demokratie. Doch insbesondere junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sehen sich mit verschiedenen Hindernissen konfrontiert, die ihre Chance auf politische Partizipation schmälern. Dazu gehören Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen. Gleichzeitig gelingt es einigen, sich wirkungsvoll politisch zu engagieren. Die Studie erkennt und analysiert sowohl bestehende Hürden als auch verschiedene Faktoren, die eine politische Partizipation von jungen migrantisch wahrgenommenen Menschen in Deutschland stärken.
Die quantitativen Daten zeigen, dass junge migrantisch wahrgenommene Menschen weniger politisch partizipieren (11% sind aktiv) als die Vergleichsgruppe ohne Zuwanderungsgeschichte (40% sind aktiv); auch ihr politisches Interesse ist geringer ausgeprägt. Qualitativ zeigt sich, dass die Einbindung in eine Peergroup, mit der man gemeinsam aktiv wird, politische Teilhabe fördern kann. Auch Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, mit einer Aktivität etwas verändern zu können, kann entscheidend sein. Letzteres wird durch die quantitativen Daten bestätigt. Die Befragten berichten aber auch von Frustrationen mit dem politischen Engagement sowie von Hinderungsgründen für die politische Partizipation. Die quantitativen Daten verweisen hier insbesondere auf drei Faktoren: fehlende Kontakte, mangelnde Repräsentation und Angst vor Diskriminierung.
Ergebnisse in einem Erklärvideo
Auch nehmen viele Befragte die Parteien als nicht-diverse Räume wahr, die weder ihre Erfahrungen noch Perspektiven anerkennen. Dabei würden Parteien von der Diversifizierung profitieren. Indem sie die Interessen junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte berücksichtigen und ihnen attraktive Angebote machen. So könnten sich laut Dr. Schneider auch neue Mitglieder und Wählerstimmen gewinnen.
Die politische Bildungsarbeit sollte den Befragten zufolge, Wissen über politische Prozesse, Themen und Beteiligungsmöglichkeiten stärker und schulübergreifend vermitteln, um die politische Partizipation junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu fördern. Darüber hinaus wünschen sie sich, dass an Orten, die verstärkt von jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte frequentiert werden, z.B. in benachteiligten Stadtteilen oder an Schulen, mehr über Zugänge zur Politik informiert wird. Damit lässt sich nach Ansicht der Studienteilnehmenden u. a. der Dialog zwischen der Politik und migrantisch wahrgenommenen Menschen fördern.
Eine erhöhte Sichtbarkeit von (jungen) Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die bereits in Parlamenten sitzen, können als wichtige Vorbilder für mehr Engagement motivieren.
Rassismuserfahrungen werden in allen qualitativen Interviews thematisiert, die junge migrantisch wahrgenommene Menschen davon abhalten können, sich aktiv politisch zu beteiligen. Es zeigt sich aber auch, dass Rassismuserfahrungen bei Befragten, die interne Selbstwirksamkeit verspüren, mit einem hohen Maß an politischer Aktivität einhergehen können. Dieser Befund wird durch die quantitativen Daten gestützt.
Gefragt sind Schulen, Vereinen und Parteien
Aus der Studie lassen sich Handlungsansätze ableiten, die für verschiedene Bereiche greifen. So sollte die politische Bildung an allen Schulformen und bereits in jungen Jahren erfolgen. Sozialarbeit kann dies durch niedrigschwellige, inklusive politische Jugendarbeit unterstützen. Aber auch Vereine, Migrantenorganisationen und sonstige Organisationen der Zivilgesellschaft sind gefordert, vermehrt politische Bildungsarbeit anzubieten. Gerade Parteien oder Stiftungen sollten Projekte zur politischen Teilhabe niederschwellig bewerben, mehr Diversität in der in der Politik fördern und Vorbilder sichtbar machen. Nicht zuletzt sollten Parteimitarbeitenden, Lehrenden und Sozialarbeitenden antirassistische Schulungen angeboten werden.
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Methodische Angaben zur Studie
Der wissenschaftliche Stab des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) hat zwischen Juli 2023 und April 2025 das Forschungsprojekt „Rahmenbedingungen, Chancen und Herausforderungen der politischen Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Einwanderungsgeschichte“ durchgeführt. Gefördert wird das Projekt von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und zugleich Beauftragten.
Die Befunde des Forschungsprojekts sind im März 2025 in der SVR-Studie „Jung und vielfältig, aber noch nicht politisch beteiligt? Wege zu mehr Partizipation für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ (Storz/Mayr 2025) veröffentlicht worden.
Die Studie entstand begleitend zum Praxisprojekt YoungUP!, das spezifisch junge BIPoC1 (aus dem Englischen: Black, Indigenous and People of Color) anspricht, und vom Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI) durchgeführt wird.
Für die Studie wurden zum einen quantitative Daten aus dem SVR-Integrationsbarometer 2024, einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage unter Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland, analysiert. Zum anderen wurden 15 qualitative Interviews mit jungen migrantisch wahrgenommenen Menschen aus dem Praxisprojekt YoungUP! und mit Teilnehmenden aus dem SVR-Integrationsbarometer 2024 im Alter von 17 bis 35 Jahren durchgeführt.
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