Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat im Herbst mit dem Bericht „Bildung auf einen Blick 2025“ erneut einen umfassenden internationalen Vergleich der Bildungssysteme vorgelegt. Der diesjährige Schwerpunkt liegt auf der tertiären Bildung (Hochschulbereich und berufliche Weiterbildung), es werden aber auch andere Bildungsbereiche erfasst. Der OECD-Bericht analysiert die Bildungssysteme von 38 Mitgliedsstaaten sowie Partnerländern.
Berufliche Bildung und Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen
Wie aus dem OECD-Bericht hervorgeht, nehmen die Unterschiede zwischen dem oberen und unteren Bildungsniveau junger Erwachsener zwischen 25 und 34 Jahren weiter zu. Etwa 40 % der jungen Erwachsenen in Deutschland schloss 2024 einen tertiären Bildungsgang ab, gegenüber 30 % im Jahr 2019. Trotz diesem Anstieg bleibt der Anteil unter dem OECD-Durchschnittswert von 48 %.
Im selben Zeitraum ist der Anteil geringqualifizierter junger Erwachsener ebenfalls leicht gestiegen. 15 % der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland hatten im Jahr 2024 keinen Abschluss im Sekundarbereich II, d. h. weder die (Fach-)Hochschulreife noch eine Berufsausbildung. 2019 lag dieser Anteil noch bei 13 %.
In der OECD-Erhebung über die Kompetenzen Erwachsener (PIAAC) zeigen sich in Deutschland besonders ausgeprägte Unterschiede in den Kompetenzen junger Erwachsener in Abhängigkeit vom Bildungsniveau. Unter allen teilnehmenden OECD-Ländern weist Deutschland die größten Leistungsdifferenzen zwischen 25- bis 34-Jährigen mit einem tertiären Bildungsabschluss und Gleichaltrigen ohne Abschluss im Sekundarbereich II auf.
Soziale Ungleichheit und Grundkompetenzen
Der Studie zufolge hat der familiäre Hintergrund weiterhin einen maßgeblichen Einfluss auf die Bildungschancen junger Menschen. In allen OECD-Ländern erreichen Kinder aus sozial benachteiligten Familien deutlich seltener einen höheren Bildungsstand als Kinder aus nicht benachteiligten Familien. Wie die Ergebnisse der OECD-Erhebung zu den grundlegenden Kompetenzen Erwachsener (PIAAC) zeigen, ist in Deutschland – ähnlich wie in vielen anderen OECD-Ländern – die Wahrscheinlichkeit, einen Tertiärabschluss zu erwerben, bei jungen Erwachsenen aus bildungsfernen Elternhäusern deutlich geringer als bei Gleichaltrigen, deren Eltern über einen Tertiärabschluss verfügen. Haben die Eltern weder die Fachhochschulreife noch eine Berufsausbildung, ist demnach die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind einen Tertiärabschluss erreicht, weitaus geringer als bei Kindern aus akademischen Elternhäusern.
Abbildung 1: Entwicklung der Erwerbslosenquoten der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland, nach Bildungsabschluss (2014–2024)
Quelle: OECD (2025), Bildung auf einen Blick 2025 – Deutschland, S. 2.
Bildungsergebnisse und Bildungserträge
Personen mit höherem Bildungsabschluss sind im Allgemeinen seltener arbeitslos und erzielen höhere Einkommen. Besonders der Abschluss im Sekundarbereich II (z.B. in der gymnasialen Oberstufe oder einer berufsbildenden Schule) spielt eine zentrale Rolle bei der Verringerung des Arbeitslosigkeitsrisikos. Im OECD-Durchschnitt waren im Jahr 2024 12,9 % der wirtschaftlich aktiven 25- bis 34-Jährigen ohne Abschluss im Sekundarbereich II erwerbslos, gegenüber 6,9 % mit einem Abschluss im Sekundarbereich II oder im postsekundaren, nicht tertiären Bereich (z.B. berufliche Fortbildungsabschlüsse wie Meister, Techniker oder Fachwirt). Unter jungen Erwachsenen mit Tertiärabschluss liegt die Erwerbslosenquote bei 4,9 %.
In Deutschland fällt das Niveau insgesamt niedriger aus: 9,3 % der jungen Erwachsenen ohne Abschluss im Sekundarbereich II waren erwerbslos, gegenüber 3,3 % mit Abschluss im Sekundarbereich II oder postsekundaren, nicht tertiären Bereich und 3,5 % mit Tertiärabschluss (Abbildung 1).
Quellen:
OECD, Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Deutschland für die deutsche Übersetzung (2025), Bildung auf einen Blick 2025.
Am 30.7.2025 war es wieder so weit: Schülerinnen und Schüler aus der Berufsvorbereitungs- (BVJ) und Berufsintegrationsklassen (BIK) der Berufsschule 6 (B 6) erlebten großen Applaus für ihre Theateraufführung. In den BVJ-Klassen werden Jugendliche ohne Ausbildungsplatz unterrichtet, in den BIK lernen neu zugewanderte junge Menschen Deutsch und werden schrittweise ins Berufs- und Bildungssystem integriert. Der Theaterworkshop wird seit sieben Jahren in Zusammenarbeit mit dem Objektif Kunst-, Kultur-und Theaterhaus durchgeführt. Die zuständige Lehrerin Tugba Ülkü der B6 berichtet uns im Interview über Hintergründe und Erfolge.
Frau Ülkü, warum braucht es überhaupt kulturelle Bildung an der Berufsschule? Geht es in der Berufsvorbereitung nicht vor allem um das Sprache lernen und um Berufsorientierung? Gerade weil es in den BIK- und BVJ-Klassen um Sprache, schulische Stabilisierung und Berufsorientierung geht, ist kulturelle Bildung – insbesondere Theaterpädagogik – ein wirksames Instrument. Theater ist ein ganzheitlicher Bildungsansatz, der Sprach-, Persönlichkeits- und Wertebildung miteinander verbindet und Teilhabe ermöglicht. In einem geschützten Raum können sich die Jugendlichen ausdrücken und Selbstwirksamkeit erleben. Sie gewinnen an Selbstbewusstsein, Mut und Kommunikationsfähigkeit. Besonders wichtig: Die Jugendlichen entwickeln ihr Theaterstück selbst, lernen dabei Texte zu verfassen und sich kreativ auszudrücken – eine Übung für Schule, Beruf und demokratisches Handeln.
Wer sind die Teilnehmenden des Projekts? Wie arbeiten Sie zusammen? Teilnehmende sind Schülerinnen und Schüler aus Berufsvorbereitungs- und Berufsintegrationsklassen der Berufsschule 6 in Nürnberg. Die Workshops und Proben leitet Theaterpädagoge Cihan Kente vom Objektif Kunst-, Kultur- und Theaterhaus e. V. Durch seine offene, wertschätzende Arbeit begegnet er den Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe und schafft Raum für Vertrauen und persönliche Entwicklung. Jede Klasse beginnt mit einem Workshop, der Impulse zur Auseinandersetzung mit Identität, Demokratie und Werten setzt. Theater wird so zum Erfahrungsraum, in dem die Schüler/-innen Denken und Verhalten reflektieren lernen. Aus dem Workshop entstehen Ideen, die im Unterricht zu Szenen entwickelt, geprobt und öffentlich aufgeführt werden.
Ist das ein freiwilliges Angebot? Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf das Thema „Theater machen“? Die Teilnahme ist verpflichtend – doch aus anfänglicher Skepsis entsteht bei vielen echte Begeisterung. Gerade zu Beginn ist „Theater machen“ ungewohnt, manche haben Vorbehalte oder Ängste. Doch durch spielerischen Einstieg, Körperarbeit und Improvisation sinkt die Hemmschwelle. Es geht weniger ums klassische Schauspiel, sondern darum, gemeinsam etwas zu schaffen.
Was war der Anlass für das 1. Theaterprojekt? Wie ging es weiter und wo stehen Sie heute? Das erste Projekt entstand vor sieben Jahren aus der Überzeugung, dass junge Menschen mehr brauchen als reinen Sprach- oder Fachunterricht – nämlich Räume für Begegnung, Ausdruck und Selbstermächtigung. Die positive Resonanz der Schüler/-innen, Lehrkräfte und des Publikums bestärkte uns, das Projekt jährlich fortzuführen. Inzwischen ist es fest etabliert, gut vernetzt, mehrfach ausgezeichnet und wächst stetig weiter.
Woran erinnern Sie sich besonders gerne, was war vielleicht besonders eindrücklich? Die meisten Schüler/-innen wachsen mit jeder Stunde mehr in ihre Rolle hinein und sind am Ende stolz, auf der Bühne zu stehen. Ein besonders bewegender Moment war, als ein Schüler, der zu Beginn kaum ein Wort gesprochen hat, am Ende mit fester Stimme einen Monolog vor vollem Saal hielt – und anschließend sagte: „Ich habe gelernt, dass ich nicht unsichtbar bin.“ Solche Momente zeigen, wie viel Theater bewirken kann.
Was war das Thema des aktuellen Theaterstücks? Wie ist es entstanden? Das aktuelle Theaterstück entstand aus dem Thema „Was ist ein gutes Leben?“, eine Frage, die die Schüler/-innen zunächst sehr individuell beantwortet haben. In den Proben wurden daraus gemeinsame Motive wie Freiheit, Gleichberechtigung, Familie, Sicherheit, Bildung und Zusammenhalt. Die Szenen entwickelten sich aus biografischen Erzählungen, Improvisationen und Gruppendiskussionen.
Viele der Schüler/-innen sind noch im Prozess des Deutschlernens. Wie funktioniert Theater in dieser Situation? Theater funktioniert nicht über perfekte Grammatik, sondern über Körpersprache, Ausdruck, Emotion, Improvisation. Oft sind nonverbale Elemente viel kraftvoller als Worte. Der gemeinsame theatrale Prozess ist stark körperlich und visuell orientiert. Dadurch wird Sprache nicht nur gelernt, sondern erlebt. Zudem werden Texte gemeinsam erarbeitet, umgeschrieben, geprobt. Dabei entwickeln die Schüler/-innen ein Gefühl für Sprachrhythmus, Ausdruck und Wirkung.
60 junge Menschen gemeinsam auf der Bühne, das geht sicher nicht ohne Konflikte ab? Konflikte, sowohl die im Miteinander wie die im Inneren der Teilnahmenden, werden im Theaterprozess bewusst sichtbar gemacht und thematisiert – so entstehen wertvolle Lernmomente für alle Beteiligten. Begleitet werden die Jugendlichen durch theaterpädagogische Methoden, die deeskalierend, reflektierend und wertschätzend wirken und so wichtige Impulse für persönliche Entwicklung und gemeinsames Lernen setzen.
Kann die berufliche Bildung etwas vom Theater lernen? Theater fördert Fähigkeiten, die auch im Berufsleben entscheidend sind: Teamarbeit, Empathie, Konfliktfähigkeit, Selbstreflexion, klare Kommunikation. Theater lehrt, präsent zu sein, Verantwortung zu übernehmen und konstruktiv mit Kritik umzugehen. Es kann helfen, Hemmungen abzubauen und Potenziale zu entfalten. Also genau das, was berufliche Bildung ergänzen und verstärken sollte.
Welche Tipps würden Sie anderen Schulen geben, die ein ähnliches Projekt starten möchten? Suchen Sie sich starke Kooperationspartner mit theaterpädagogischer Erfahrung. Schaffen Sie verbindliche Strukturen. Theater braucht Zeit und Raum. Geben Sie Ihren Schüler/-innen Vertrauen, auch wenn der Anfang holprig ist. Wichtig ist nicht das perfekte Ergebnis, sondern der gemeinsame Prozess. Und: Bleiben Sie dran. Es lohnt sich – für jeden einzelnen Jugendlichen und für das Schulleben insgesamt.
Theaterpädagogik … wirkt auch an Mittelschulen:
Kurz vor der beschriebenen Theateraufführung hatten auch die 43 Schülerinnen und Schüler der IBOS-Abschlussklassen aus den Mittelschulen Scharrerschule und Hummelsteiner Weg einen großen Auftritt an der IBOS-Abschlussveranstaltung im Heilig-Geist-Saal. In einem kurzen Stück, das sie mit der Theaterpädagogin Lisa Stützer erarbeitet hatten, konnten sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen ihrer Schulzeit sichtbar und erlebbar machen. So standen sie – ebenso wie die älteren Schüler/-innen aus BVJ und BIK – stolz auf der Bühne und endeten selbstbewusst und klar mit dem Satz „Und jetzt geht es erst richtig los. Hallo Leben!“
„Hochwertige Bildung für alle!“ lautet die Überschrift der 16. Bildungskonferenz der Stadt Nürnberg. Sie findet am Mittwoch, den 12. November um 10:00 Uhr im Historischen Rathaussaal statt. Welche Anforderungen stellt die Verwirklichung dieser Zielsetzung an die kommunale Bildungspolitik und -praxis in herausfordernden Zeiten?
Nach der Eröffnung durch Oberbürgermeister Marcus König wird sich Prof. Dr. Marcel Helbig in seinem Vortrag dieser und anderen Fragestellungen widmen. Prof. Helbig ist Bildungsforscher und -soziologe sowie Arbeitsbereichsleiter für Strukturen und Systeme am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg. Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit ihm sowie Vertreterinnen und Vertretern der Stadtspitze statt.
Am Nachmittag erwarten Sie vier Foren zu diesen Themen:
Musikalische Bildung für Kinder in Nürnberg
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) – Teilhabe ermöglichen
Wer schon einmal am Ausdruck eines Online-Freibad-Tickets, einer Online-Buchung beim Arzt oder bei der Aktivierung des digitalen Personalausweises gescheitert ist, der weiß: Fehlende digitale Kompetenzen führen immer häufiger dazu, dass Menschen Dienstleistungen nicht wahrnehmen können und Gefahr laufen, sozial ausgeschlossen zu werden. Dr. Juliane Stiller vom Verein Grenzenlos Digital e.V. lieferte im Rahmen des Fachtags digitale Grundbildung am 27. Juni 2025 einen pointierten Impulsvortrag zur digitalen Kluft und dazu, wie Bildungsangebote helfen können, diese Kluft zu überwinden.
Sie benannte vier zentrale Faktoren für den Ausschluss an digitaler Teilhabe: Die Kosten z.B. für Endgeräte und Verträge, digitale Kompetenzen, fehlende Barrierefreiheit etwa im Webdesign von Online-Anwendungen und fehlendes Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in digitale Dienste. Diese Hürden beträfen unterschiedliche Personengruppen in unterschiedlicher Art und Weise, so Stiller. Zu diesen digital vulnerablen Gruppen zählte sie unter anderem ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, mit Zuwanderungsgeschichte oder aus einkommensschwachen Verhältnissen, Frauen sowie Menschen im ländlichen Raum.
Betrachtet man den Aspekt der digitalen Kompetenzen genauer, so habe sich in den Jahrzehnten seit der Etablierung der Digitalisierung im Alltag etwas verändert: „Klassische Offliner gibt es heutzutage kaum noch“, so Stiller. „Stattdessen beschränken sich die Kenntnisse digital benachteiligter Gruppen verstärkt auf bestimmte Endgerätetypen, Betriebssysteme und andere Technologien.“
Ängste abbauen und praktischen Nutzen aufzeigen
Stiller plädierte für eine Vielfalt an Lernformaten, um dieser Bedarfslage gerecht zu werden. Neben der Bereitstellung digitaler Infrastruktur und digitaler Hilfen brauche es strukturierte Kurse, aber auch offenere Konzepte wie Mentoring-Programme. Wichtig sei, dass die Angebote die unterschiedlichen Zielgruppen da abholen, wo sich diese ohnehin aufhalten. Außerdem sei es wichtig, Ängste durch das Lernsetting abzubauen und an den konkreten Bedarfen der Teilnehmenden anzusetzen, um nach Möglichkeit schnell positive Ergebnisse zu erzeugen, die den praktischen Nutzen sichtbar machen.
Dr. Juliane Stiller, hier bei der Nürnberger Bildungskonferenz 2024
Juliane Stillers Input führt zu der Frage, wie es in Nürnberg mit entsprechenden Angeboten für digital vulnerable Gruppen aussieht. Aus der themenbezogenen Netzwerkarbeit des Bildungsbüros der letzten Jahre ergibt sich der Eindruck als entstehe hier nach und nach ein Netz aus unterschiedlichen Akteuren, das mehreren digital vulnerable Zielgruppen Angebote macht – auch wenn das Netz sicher noch nicht flächendeckend und ausreichend aufeinander abgestimmt ist.
Lots/-innen, Begleiter/-innen, Coaches: Ehrenamtliche spielen eine wichtige Rolle bei Nürnberger Angeboten
Seit über 20 Jahren bereits bietet der Computer Club Nürnberg 50plus klassische Kursformate zum Thema für Ältere an. 175 dieser kostenpflichtigen Kurse wurden 2024 von 913 Seniorinnen und Senioren besucht.[1] Hinzu kommen kostenfreie Vorträge, die sich häufig mit aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung beschäftigen.[2] Das Seniorenamt der Stadt Nürnberg entwickelte mit „Wege in die digitale Welt für Ältere“ außerdem ein Programm, das verschiedene niedrigschwellige Formate verbindet und diese an 20 Seniorennetzwerken in der Stadt andockt. In den 1:1-Tandems vermitteln ehrenamtliche Digitallotsinnen und -lotsen Grundkenntnisse zu Smartphone und Tablet. 218 Seniorinnen und Senioren wurden zwischen September 2021 und Dezember 2024 durch das Seniorenamt in ein solches Tandem vermittelt werden.[3] Wer bereits etwas geübter mit digitalen Technologien ist, bekommt in Digital-Sprechstunden weitere Kenntnisse durch Ehrenamtliche vermittelt oder kann sich in Digital-Cafés oder-Treffs mit anderen austauschen und so dazu lernen.
An Jugendliche und Erwachsene mit Zuwanderungsgeschichte wendet sich das Projekt Digi iQ – Digitale Grundbildung im Quartier. Auch hier vermitteln ehrenamtliche Peers mit dem Namen Digi-Coaches in curricular strukturierten Einsätzen digitales Grundwissen. Dafür gehen sie an verschiedene Bildungsorte in der Stadt wie beispielsweise Horte, Stadtteilzentren, Gemeinschaftsunterkünfte oder Migrantenvereine. Ergänzend gibt es digitale Sprechstunden mit den Schwerpunkten Technikprobleme und Online-Dienste. Außerdem versucht das Projekt bestehende Bedarfe und Angebote digitaler Grundbildung stadtteilorientiert aufeinander abzustimmen. Im ersten Projektjahr konnten 11 erwachsene und 14 jugendliche Digi-Coaches ausgebildet werden, die bereits 114 Einsätze absolvierten.[4]
Für Menschen mit Behinderung gibt es seit April 2024 die Digitale Werkstatt in der Boxdorfer Wohnanlage vom Verein für Menschen. Neben Workshops und digitalen Sprechstunden wird auch hier mit Tandems gearbeitet, in denen speziell geschulte Digitalbegleiter/-innen bei den ersten digitalen Schritten unterstützen.[5] Eine „Zockerbude“ ermöglicht außerdem das gemeinsame Spielen mit Konsolen oder an einem speziell an die Bedarfe der Zielgruppe angepassten Gaming-Tisch. Bisher haben insgesamt etwa 100 Personen teilgenommen, darunter vor allem Menschen mit Behinderungen aus der Wohnanlage, sowie externe Teilnehmende, darunter Angehörige, Betreuer, Mitarbeitende und Freizeitassistenten.[6]
Vernetzen und sichtbar machen
„Es macht Mut, dass in Nürnberg so viele zielgruppengerechte Angebote entstehen“, freut sich Juliane Stiller und mahnt an: „Es ist wichtig, diese Angebote und die vielen kleineren und größeren Initiativen, die es zu diesem Thema vielleicht noch in der Stadt gibt, miteinander zu vernetzen und sichtbar zu machen, damit möglichst alle das für sie passende Angebot finden.“
Das Jubiläumswochenende am 16./17. Mai 2025 zum 50-jährigen Bestehen der Nürnberger Kulturläden spiegelte die Bandbreite der Arbeit von inzwischen zwölf Kulturläden und 50 Jahren Soziokultur mit Veranstaltungen und Beiträgen, die zurückblicken (das Buch zum Jubiläum: „Die Nürnberger Kulturläden° – 50 Jahre Kultur im Stadtteil“) und Impulse für eine Weiterentwicklung geben möchten (Symposium „Das kann Soziokultur“), vor allem aber Gelegenheit zu Austausch und Begegnung bieten.
Kurz zur Einordnung: Die zwölf Kulturläden bieten jährlich rund 17.000 kulturelle Termine, empfangen dabei über 380.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich und arbeiten mit über 500 kooperierenden Kunst- und Kulturschaffenden, Organisationen, Vereinen und Gruppen zusammen. Im Sinne von „Kultur von allen für alle“ wird das selbst Gestalten und das Beteiligen bei den Kulturläden großgeschrieben.
Eine seit 1996 bestehende Möglichkeit der Beteiligung ist die in regelmäßigen Abständen stattfindende Befragung der Besucherinnen und Besucher – die sogenannte Kulturladenumfrage. Sie zeigt auf, wer die Angebote der Kulturläden nutzt und gibt den Befragten die Möglichkeit, diese zu bewerten und Verbesserungsvorschläge zu machen. Die Ergebnisse der Befragung werden sowohl intern ausgewertet, um die eigene Arbeit weiter zu verbessern, als auch extern veröffentlicht. Dieser Blogbeitrag greift sich nun im Folgenden ein paar interessante Ergebnisse heraus.
Wer besucht die Kulturläden?
Knapp 3.000 Menschen haben zwischen März und Mai 2023 an der achten Kulturladen-Umfrage teilgenommen, 65 % davon sind weiblich. Es sind alle Lebensalter vertreten (Umfrage ab zwölf Jahren), die meisten Teilnehmenden sind zwischen 54 und 74 Jahre alt, das Durchschnittsalter der Befragten beträgt 53 Jahre.
Im Vergleich zu 2016 hat sich der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund (oder ausländischer Staatsbürgerschaft) in den Kulturläden um rund acht Prozentpunkte erhöht. Insgesamt haben 34 % der Befragten einen Migrationshintergrund oder eine ausländische Staatsbürgerschaft, 66 % sind Deutsche. Dieses Verhältnis entspricht zwar nicht genau dem Verhältnis in der Nürnberger Gesamtbevölkerung, nähert sich dem aber an (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Migrationshintergrund der Befragten der Kulturladen-Umfrage, 2023 und 2016
Quelle: Stadt Nürnberg, Amt für Kultur und Freizeit.
Wie der Blick auf einzelne Häuser zeigt, gelingt es den Kulturläden, die im jeweiligen Stadtteil lebende Bevölkerung zu erreichen: So beträgt der Anteil der Befragten mit Migrationshintergrund in der Villa Leon rund 61 %, in Röthenbach rund 54 %, im Loni Übler Haus und im KUF im südpunkt knapp 40 %. In Vischers Kulturladen sind es dagegen ca. 21 % und im Kulturladen Zeltnerschloss 22 %.
Betrachtet man den beruflichen Bildungsabschluss der Befragten, so fällt auf, dass knapp die Hälfte einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss hat. Ein überwiegender Teil der Befragten ist demnach hoch gebildet, insgesamt sind aber alle Bildungsstufen in den Kulturläden vertreten (11 % ohne Abschluss oder noch in Ausbildung, 24 % mit Abschluss einer Berufs(fach)schule, 16 % mit Fachschulabschluss). Interessant ist auch die relative Gleichverteilung der Einkommensstufen, die sich der der gesamten Nürnberger Bevölkerung annähert.
Wie häufig werden Kulturläden besucht?
Insgesamt haben 2.900 Befragte 4.630 Besuche in den Nürnberger Kulturläden angegeben. Die meisten Besuche verzeichnen das Gemeinschaftshaus Langwasser (676) und der Kulturladen Loni Übler Haus (632). Dort wurden jeweils auch die meisten Fragebögen abgegeben.
Ein sehr großer Teil der Besuchenden ist Stammpublikum, das die Nürnberger Kulturläden schon länger als fünf Jahre besucht (bei zehn von elf ist das der Fall). Gleichzeitig verzeichnen ebenfalls fast alle Häuser zweistellige Prozentwerte bei den Erstbesuchen, es gelingt also auch, neues Publikum zu gewinnen.
Abb. 2: Kulturladenbesuche aller Befragten
Quelle: Stadt Nürnberg, Amt für Kultur und Freizeit.
Wie bewerten die Menschen die Nürnberger Kulturläden°?
„Beurteilen Sie bitte das Serviceangebot dieses Kulturladens“: in Bezug auf die Kategorien Erreichbarkeit und Bürozeiten, Atmosphäre, Freundlichkeit/Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden, Qualität des Angebots und Preis-Leistungs-Verhältnis konnten die Befragen „ausgezeichnet“, „gut“, „befriedigend“, „mangelhaft“ oder „schlecht“ angeben. 88 % der Befragten bewerten Erreichbarkeit und Bürozeiten der Kulturläden als „gut“ oder „ausgezeichnet“, die Bewertung „ausgezeichnet“ hat sich gegenüber 2016 um elf Prozentpunkte erhöht. Insgesamt bewerten rund die Hälfte aller Befragten die Atmosphäre in den Kulturläden als ausgezeichnet, weitere 43 % als gut. Auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden werden zu 69 % als ausgezeichnet und zu 29 % als gut bewertet. Fast alle Befragten (ca. 93 %) bewerten die Qualität des Angebots als ausgezeichnet oder gut. Im Vergleich zu 2016 hat sich die Bewertung in der Kategorie Preis/Leistung verbessert: 45 % der Besucherinnen und Besucher finden diese „ausgezeichnet“ (ein Anstieg um rund neun Prozentpunkte). Laut Amt für Kultur und Freizeit ist dies vor allem angesichts der besonderen gesellschaftlichen Herausforderung wie Corona, Inflation oder Energiekrise und damit einhergehenden gestiegenen Kosten zu begrüßen und bestätigt die Bemühungen der Kulturläden um eine angemessene Preisgestaltung.
Mit den elf im jeweiligen Stadtteil verankerten soziokulturellen Zentren und dem mobilen Kulturladen KommVorZone (seit 2020) haben Nürnbergerinnen und Nürnberger die Möglichkeit zu kultureller und politischer Teilhabe, zu Begegnung und Austausch in der diversen Stadtbevölkerung. Die Befragung von Besucherinnen und Besuchern zeigt, dass dieses Potenzial genutzt wird und sich so weiterentwickeln kann, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen partizipieren.
Auch bei den offenen Fragen, wo explizit nach der Meinung gefragt wurde, findet sich viel Positives. Negative Stimmen sprechen weder Programm noch Qualität oder Mitarbeitende an, vielmehr geht es hier beispielsweise um die Sanierung der Toiletten oder Maßnahmen zur Barrierefreiheit. Hier vier Beispiele aus den offenen Antworten im Fragebogen:
Danke, dass Sie die Kulturläden auf den Beinen halten und es der Stadt-Gesellschaft ermöglichen, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln.
Ihr seid Klasse. Danke für eure Offenheit & Flexibilität. Macht mehr Farbe & Bunt & Kunst!
Die Toilette sollte mal renoviert werden.
Leider ist die Einrichtung nicht barrierefrei – das wäre dringend nötig, weil auch viele ältere Menschen im Stadtteil leben.
„Die Ergebnisse der letzten Kulturladenumfrage sind ein toller Beleg für die hohe Qualität und Relevanz der Kulturläden in Nürnberg. Die durchweg positiven Bewertungen der Befragten zeigen, wie sehr diese Einrichtungen geschätzt werden. Gleichzeitig spornen uns die Ergebnisse an, jeden Tag noch ein Stück besser zu werden.“ so Annekatrin Fries, Leiterin des Amts für Kultur und Freizeit.
Grundinformationen zur Umfrage
Die Umfrage unter den Besucherinnen und Besuchern der Nürnberger Kulturläden° wurde vom 23. März 2023 bis 26. Mai 2023 durchgeführt, insgesamt haben sich 2.900 Menschen beteiligt.
Die Fragebögen wurden nach Kulturladengröße aufgeteilt, zudem fand eine Differenzierung nach Veranstaltungen sowie Gruppen und Kursen statt. Die Teilnahme war freiwillig.
Die Kulturladenumfrage wurde mit Papierfragebögen in den einzelnen Kulturläden durchgeführt. Es gab einen Fragebogen in deutscher Sprache und zudem ein Handout der Fragen in einfacher Sprache. Die Mitarbeitenden der Kulturläden boten zusätzlich Hilfestellung.
Es handelt sich um die insgesamt achte Umfrage, die erste fand im Jahr 1996 statt. Pandemiebedingt kam es zu einem größeren zeitlichen Abstand zur letzten Umfrage (2016). Zum Teil werden Vergleiche zur letzten Kulturladenumfrage und auch zur letzten „Wohnungs- und Haushaltserhebung, Leben in Nürnberg 2021“ gezogen.
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